9. November 2008
Vor genau 70 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, fand im gesamten Deutschen Reich, zu dem Österreich damals seit acht Monaten gehörte, eines der schwersten Verbrechen der Nazi-Regierung gegen die jüdische Bevölkerung statt. Unter dem zynischen Namen »Reichskristallnacht«, der vermuten lässt, es wäre nur das Glas der tausenden jüdischen Geschäfte zu Bruch gegangen, die in dieser Nacht geplündert und zerstört wurden, fand ein unglaubliches Verbrechen statt.
Zwei Tage zuvor hatte der 17-jährige Herschel Grynszpan in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath verübt, um gegen die Verfolgung der Jüdinnen und Juden zu protestieren. Nachdem vom Rath am 9. November an den Folgen des Attentats starb, rief Reichspropagandaminister Goebbels zur Gewalt an der jüdischen Bevölkerung auf und wollte diese als »spontanen Ausdruck des deutschen Volkszorns« verkaufen. In Wirklichkeit war die ganze Aktion genauestens geplant und wurde vor allem von SA-Gruppen in Zivilbekleidung durchgeführt. Schlimmerweise ließen sich auch genug andere Bürgerinnen und Bürger anstecken und unterstützten den Pogrom.
In Wien wurden alle großen Synagogen, außer der in der Seitenstettengasse, völlig niedergebrannt. Die Feuerwehr hatte Anweisungen nur dann einzugreifen, wenn das Feuer auf andere Häuser überzugreifen drohte. Über 4.000 jüdische Geschäfte wurden geplündert. Die Polizei hatte strikt untersagt bekommen einzugreifen. Im 1., 2. und 4. Bezirk wurden 1.950 Wohnungen »judenrein« gemacht, d.h. die Bewohnerinnen und Bewohner einfach auf die Straße getrieben, 7.800 Jüdinnen und Juden wurden gleich verhaftet; 680 begingen am 10. November oder in den Tagen darauf Selbstmord, weil sie alles verloren hatten.
Immer öfter lässt sich (auch) bei Jugendlichen eine gewisse Ermüdung der Diskussionsfreudigkeit beim Thema Drittes Reich wahrnehmen. »Das haben wir schon alles in der Schule gelernt!« und »Das weiß doch eh jedes Kind, dass das damals schlimm war!« münden in die Frage: »Müssen wir da schon wieder darüber reden?«
Wenn den Jugendlichen aber klar wird, welchen Wert die Erinnerung auch für Entscheidungen heute, für jede Einzelne und jede Einzelnen hat, ist dieses Thema nicht mehr ein trockenes Geschichtsthema sondern wird wieder diskussionswürdig.
Aufgabe: Versucht euch an etwas zu erinnern, wo ihr ganz genau wisst, dass ihr etwas falsch gemacht habt. Etwas, von dem ihr wisst: So einen Blödsinn werde ich nie wieder machen. Als Beispiel: Ich habe als Kind in einem Supermarkt in Vöcklabruck ein Zuckerl gestohlen. Ich wusste ganz genau, dass es falsch ist und hab es trotzdem einfach genommen. Bis heute kann ich mich an das schlechte Gefühl erinnern; an das Bewusstsein absichtlich etwas Falsches gemacht zu haben. Das erinnert mich auch heute daran, dass ich nie wieder eine Situation ausnutzen möchte, in der ich mich bereichere, nur weil sich gerade die Möglichkeit dazu bietet.
Austausch über die Erinnerungen. Impulse: Erinnerungen halten etwas wach in uns. Ein Ereignis oder einen Moment, eine Person, ein Gefühl etc. Zum einen zeigen wir dadurch Respekt vor dem, was wir erinnern; zum anderen ist die Erinnerung für unsere weiteren Entscheidungen von Bedeutung. Erinnerungen erweitern unsere Handlungsmöglichkeiten.
Gebet: Liebender Gott! Hilf uns, dass wir uns erinnern. Erinnern, dass wir alles aus deiner Hand empfangen. Erinnern, dass du uns liebst und in Jesus Christus ganz nahe gekommen bist. Erinnern, wie Jesus uns aufgetragen und vorgelebt hat, dass wir uns für unsere Mitmenschen einsetzen sollen, ganz egal welcher Religion oder Kultur sie angehören. Wir erinnern uns an die schrecklichen Verbrechen, die vor 70 Jahren hier bei uns an Jüdinnen und Juden verübt wurden. Gib uns Mut, nicht zu vergessen und Mut, nicht wegzuschauen, wenn heute Menschen diskriminiert werden. Schenk uns deinen Frieden. Amen.
Martin Siegrist von der Evangelisch-methodistischen Jugend studiert Theologie in Wien.