Das Gleichnis, das Lukas hier erzählt, wird im allgemeinen Sprachgebrauch als das Gleichnis vom verlorenen Sohn bezeichnet. Ein Sprachgebrauch, der leider den Fokus sehr einseitig auf eine der drei Figuren des Gleichnisses lenkt. Mir scheint es wichtig, alle drei Figuren zu betrachten. Wichtig ist auch, zuvor den Kontext wahrzunehmen, in dem dieses Gleichnis erzählt wird.
In Lk 15, 1-3 wird die Situation geschildert, in der Jesus die nachfolgenden Gleichnisse erzählt. Auf der einen Seite sind da die Zöllner und Sünder. Sie stehen für die, die in ihrem Leben scheinbar gescheitert sind, und die es nicht schaffen, vor Gott und den Menschen gerecht zu sein. Ihr Leben ist so vermurkst, dass sie sicher kein Lob verdient hätten. Gleichzeitig stehen sie aber auch für die, die bereit sind, auf Jesus zu hören.
Ihnen gegenüber stehen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Mit dieser Gruppe sind Men-schen gemeint, die sich sehr um ein gutes und korrektes Leben bemühen. Man sollte sie nicht zu schnell abwerten, denn sie waren gewiss aufrichtig darum bemüht, es richtig zu machen und sich nichts zu schulden kommen zu lassen. Dennoch stehen sie auch für die, die nicht bereit sind auf Jesus zu hören. Sie meinen selbst besser zu wissen, was richtig und falsch ist. Und darum murren sie und widersprechen der barmherzigen Lebenshaltung und Botschaft Jesu.
Genau von dieser Spannung zwischen Menschen, die es wagen, der Barmherzigkeit zu trauen und denen, die dies nicht tun, handelt auch das Gleichnis.
Es muss wohl als einigermaßen verletzender Vorgang bewertet werden, dass der jüngere Sohn sich von seinem Vater die Erbschaft noch zu dessen Lebzeiten auszahlen lässt. Al-lerdings sollte man vorsichtig mit der Deutung sein, dass dahinter nur die Absicht stand, es unmoralisch zu »verprassen« (Luther). J. Jeremias weist darauf hin, dass ein Großteil der jüdischen Bevölkerung die Heimat verlassen hat, um in der Diaspora zu leben. Als Gründe nennt er »die verlockend günstigen Lebensbedingungen in den großen Handelsstädten (...) ebenso wie die häufigen Hungersnöte in Palästina.« Dass ein Sohn sich sein Erbteil auszahlen lässt, um damit einen Neubeginn in einer wohlhabenderen Gegend wagen zu können, könnte daher durchaus regelmäßig vorgekommen sein. Mit dieser Auszahlung des Erbteils sind natürlich auch alle Ansprüche gegenüber dem Vater verloren gegangen. Aber da der Sohn in der Diaspora zunächst verschwenderisch lebt, und dann auch noch eine Hungersnot übers Land kam, steht er plötzlich vor dem finanziellen Ruin. Er erinnert sich an das Leben zu Hause, weiß aber, dass ihm dort nichts mehr zusteht. Das einzige was er hoffen kann, ist als Tagelöhner beschäftigt zu werden. Diese Hoffnung, dass ihn der Vater trotz seines verletzenden Handelns nicht das Überleben als Tagelöhner verweh-ren wird, bringt ihn schließlich zur Rückkehr.
Der ältere Sohn dagegen verhält sich so korrekt, wie es von ihm zu erwarten ist. Als Erstgeborener hat er Anspruch auf einen größeren Teil des Erbes als sein Bruder. Er ist schon zum neuen Hausherrn bestimmt, hat aber zu Lebzeiten des Vaters noch nicht das Recht, über den Besitz verfügen. Daran hält er streng fest und gönnt sich selbst keinerlei Luxus - ja er scheint den Vater nicht einmal darum zu fragen. Es scheint, als traue er dem Vater keine Großzügigkeit und Barmherzigkeit zu.
Der Vater aber ist barmherziger, als es beide Söhne erwarten. Als der jüngere Sohn demütig zurückkehrt, empfängt er ihn voller Freude. Er lässt ihm alle Ehren eines Ehrengas-tes zukommen und lässt ein großes Fest feiern. Denn er freut sich so sehr darüber, dass sein Sohn zurückgekommen ist, der ihm so lange fern (ja wie tot) gewesen ist. Und diesem gescheiterten Sohn will er ein neues Leben ermöglichen. Aber auch dem älteren Sohn gegenüber ist er barmherzig: Schon immer hätte der ältere Sohn alles haben können, was er wollte. Niemals hätte ihm der Vater etwas verwehrt. Nur hat der ältere Sohn nie an diese Barmherzigkeit geglaubt und sie nicht für sich in Anspruch genommen. Und so kann er auch seinem Bruder die Barmherzigkeit nicht gönnen, die dieser erfährt. Der Vater aber geht dem älteren Sohn nach, weil auch dieser ihm nicht egal ist.
Das Gleichnis schildert einerseits in überwältigender Schlichtheit, wie gütig, gnädig und voller Erbarmen Gott ist. Andererseits verteidigt es auch die diese Frohbotschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes gegenüber denen, die der Gnade Gottes nicht trauen, sondern die meinen, sich die Liebe Gottes durch korrektes Handeln erkaufen zu müssen. Es ist kein Vorwurf gegen das Bestreben, sich um ein gerechtes Leben zu bemühen - aber es ist die Kritik an jenen, die Gott seine Barmherzigkeit absprechen wollen. Wer es nie wagt, Gottes Barmherzigkeit für sich in Anspruch zu nehmen, weil er meint sich alles selbst verdienen zu müssen, kann jenen Gottes Barmherzigkeit schwer gönnen, die sie völlig unverdient und trotz ihres Scheiterns geschenkt bekommen. Darum ist dieses Gleichnis eine Einladung an alle, der Barmherzigkeit Gottes zu trauen und sie für sich in Anspruch zu nehmen - für die, die in ihrem Leben oft scheitern ebenso wie für die, denen in ihrem Leben vieles gelingt.
Bei diesem Gleichnis lohnt sich ein Rollenspiel, um ganz bewusst in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen. Es kann stellvertretend für die ganze Gruppe von drei Leuten gespielt werden - oder bei einer kleinen Gruppe nach freier Phantasie ausgeweitet und von allen gespielt werden.
In einem anschließenden Gespräch sollte dann deutlich werden, wie sich die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive anfühlt. Welche Gefühle, welche Eindrücke gibt es aus Sicht der beiden Söhne und aus der des Vaters?
Lohnend ist es auch, einmal ein paar Varianten der Geschichte (im Gespräch oder gespielt) auszuprobieren.
Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt ...
Als Abschluss könnte man schließlich ein Fest feiern, in dem die Großzügigkeit und der Wohlwollen Gottes wirklich zu schmecken und die Freude zu fühlen ist. Alle (auch der ältere Sohn) sollten dabei mitfeiern, und »schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist.« So werden die Jugendlichen nicht nur theoretisch in die Geschichte einbezogen, sondern ganz praktisch und elementar.
Stefan Schröckenfuchs von der Evangelischen-methodistischen Jugend ist Pastor auf Probe in Wien.