Johannes 8, 1-11
22. März 2004
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Jesus und die Ehebrecherin
Angeklagt. Eine Frau steht in der Mitte - im Tempel von Jerusalem. Ziemlich erniedrigend, den zudringlichen Blicken ausliefert und den nackten Zeigefingern ausgeliefert zu sein. Abgewichen vom Weg, vom Weg der Gerechten. Ihr Verbrechen: Ehebruch. Die Strafe: Der Tod.
Undenkbar heutzutage in der westlichen Welt. Denn darf man Statistiken Vertrauen schenken, geht jeder dritte Amerikaner einmal im Leben fremd, in Europa nur jeder Zweite. Hat nicht jeder schon mal in einer schwachen Minute an einen Seitensprung gedacht? Wieviele Prominente und Stars haben ihren Ehepartner betrogen und sind dabei sogar noch berühmter oder beliebter geworden? Ehebruch bringt zwar immer wieder viel Leid und Schmerz über Menschen, Paare, Familien, aber er ist gesellschaftsfähig geworden.
In Zeiten, wo es kaum mehr feste Ehen gibt, sondern viel mehr Lebensabschnittpartner, stellt sich überhaupt die Frage, wie man einen Seitensprung überhaupt definiert? Früher hatte Ehebruch eine andere Bedeutung: Die Frau gehörte dem Mann, sie schenkte ihm Nachkommen, ohne die Frau war der Mann nichts. Denn ein Leben als Single oder allein stehend, so selbständig wie heute war damals kaum denkbar und möglich gewesen. Die Frau sicherte die Existenz des Mannes. Wurde dem Mann die Frau genommen, oder drang ein Mann in eine fremde Ehe ein, dann zerstörte man damit nicht nur die Existenz des Mannes, sondern sogar der ganzen Familie, darum könnte die Strafe so hart sein.
Und wieder einmal wird die Frau angeklagt (und zwar nicht von Frauen, sondern von Männern) und der Mann, der offensichtlich dabei war, wird mit keinem Wort erwähnt. Denkt man an den Fall Clinton/Lewinski, wird die Situation - 2000 Jahre später - total umgedreht: Hier wird der Mann vor den öffentlichen Pranger gestellt.
Und dann die unglaubliche Gelassenheit Jesu, mit der er hier vorgeht. Die geniale einfache Lösung des Problems. Immer wieder suchten ihn seine Gegner in die Falle zu locken. Sagt er: »Steinigt sie, es ist recht« - wie will er dann weiter von der unglaublichen Liebe Gottes sprechen? Sagt er: »Lasst sie frei« - ruft er zum Gesetzesbruch auf, Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen. Und wieder kann er Menschlichkeit vor falsch verstandenes göttliches Recht stellen.
Was mich persönlich am Rande noch interessieren würde: Was passierte mit der Frau? Zeigte sie Reue, hat sie dazu gelernt? Und wurde sie von ihrem Ehemann wieder zurückgenommen?
Christine Waldner von der Evangelischen Hochschulgemeinde dissertiert in Veterinärmedizin in Wien