Johannes setzt die Erzählung von der Tempelaktion, anders als die anderen Evangelisten, an den Anfang der Wirksamkeit Jesu. Durch die zeitliche Nähe des Pessachfestes hat der Text einen gewissen Passionsklang. Im zweiten Teil des Textes wird ausdrücklich ein Zusammenhang zwischen Tod und Auferstehung hergestellt. Jesus pilgert nach Jerusalem und begibt sich direkt in den Tempel, wie es üblich war. Der Pilger verlor sich nicht erst in der Stadt und besuchte danach den Tempel, sondern seine Schritte sollten ihn zuerst in den Tempel führen.
Im Tempel, gemeint ist der auch den Heiden zugängliche Vorhof, trifft Jesus auf die Verkäufer der verschiedenen Opfertiere (Stiere, Schafe, Tauben). Diese mussten nach der Tora makellos sein. Ebenso trifft er Geldwechsler, die die gebräuchlichen römischen in tyrische Münzen austauschten. Nur sie trugen keine Abbildung von Menschen und wurden als Tempelwährung akzeptiert.
Im Tempel formt Jesus eine Peitsche und treibt Geldwechsler und Tierhändler aus dem Gotteshaus. Wütend fordert er die Menge auf, aus dem Tempel keine Markthalle zu machen. Die Heiligkeit des Ortes muss durch ein entsprechendes Verhalten gewahrt bleiben.
Ein zweiter Aspekt des Textes ist, dass der Tempel als Ort der besonderen Gegenwart Gottes dargestellt wird und damit auch in Jesus gegenwärtig ist. Zu der Zeit, als Johannes sein Evangelium schreibt, war der Tempel schon zerstört. Der Tempelberg behält aber seine besondere Bedeutung. Auch wird hier deutlich, dass Gottes bleibende Gegenwart inmitten seines Volkes nicht an den Tempel gebunden ist. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist weder mit der Tempelzerstörung zu Ende gegangen, noch mit Jesu Tod. Sie bestand danach weiter und wird auch in Zukunft weiter bestehen.
Dieser Text ist sehr vielschichtig. Mögliche Themen sind die Emotionalität Jesu, der Opferkult im Judentum, die Anspielung auf die Auferstehung innerhalb von drei Tagen.
Der Text zeigt eine stark emotionale Seite Jesu, die sonst kaum zu sehen ist. Von dieser Seite kann ich mich berühren lassen und daraufhin mir selbst kritische Fragen stellen. Solche Fragen können sein:
Diese wichtigen Fragen können in kleineren Gruppen besprochen werden. Hier ist es aber unabdingbar, dass diese Fragen in einem vertrauensvollen Raum besprochen werden.
Eine mögliche andere Herangehensweise ist es, Geld als Machtsymbol und als notwendiges Zahlungsmittel in der Kirche genauer zu beleuchten. Hier kann ganz allgemein der Frage nachgegangen werden:
Andererseits ist es möglich, den Finanzen in der eigenen Kirche nachzugehen.
Wichtig bleibt nach all diesen Fragen zum Text zurückzukehren und zu sehen, ob sich der Text uns näher gekommen ist. Am Ende sollen Sätze eines bedeutenden Mystikers stehen. Meister Eckhart schrieb im 14. Jahrhundert: »Der Tempel, den Jesus reinigte, das ist unser Herz. Dort gibt es das alles, die Angst und die Antwort darauf: die Machtgier, die Geldgier, der Untertanengeist, die Abhängigkeit. Es gibt darin aber auch die Sehnsucht nach Freiheit, den Mut zu leben, das Glück der Menschlichkeit und die Kraft der Liebe.«
Katja Eichler von der Evangelischen Hochschulgemeinde ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Religionspädagogik der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien