Johannes gibt dieses Gebet Jesu so wieder, wie es als großes Vermächtnis vor dem Ableben ähnlich im Alten Testament bei den Erzvätern zu finden ist. Der große Unterschied ist jedoch, dass Jesus sich hier auf die Fürbitte für seine Jünger beschränkt und darauf, seine Sendung noch einmal zu erklären. Er braucht weder Segen noch Verfluchung, weder Ermahnung noch Gericht. Die Verhältnisse sind ja bereits geklärt. Es geht Jesus zunächst in den Passagen davor um seine Jünger und Jüngerinnen, im weiteren Sinn um seine Gemeinde. In unserem Abschnitt nun weitet sich der Blick. Jesus betet jetzt auch für die Jünger und Jüngerinnen der Zukunft. Es geht um die ganze zukünftige Welt und auch um die Menschen, die ab diesem Zeitpunkt durch die Mission der Jüngerinnen und Jünger wiederum zur Gemeinde finden werden.
Das Hauptanliegen in der Fürbitte Jesu ist die Einheit in seiner Nachfolgerschaft (=Kirche, Gemeinde, Christenheit). Es ist der Höhepunkt seines Dienstes: dass die, die an ihn glauben, eins sein sollen. Damit diese Einheit entsteht, braucht es einen Prozess. Und diese Einheit hat ein Vorbild, und zwar eben die innigste und vollkommene Einheit, wie sie zwischen Jesus und seinem Vater besteht. Jesus wurde vom Vater in die Welt, das heißt zu den Menschen gesandt, um von seiner Beziehung mit dem Vater zu berichten und diese Einheit mit dem Vater für alle zu ermöglichen, die an seine Sendung glauben.
Die Gemeinschaft, als ein Ineinandersein und -bleiben hat Anteil an der Herrlichkeit Gottes und ist Ausdruck der Liebe des Vaters zum Sohn und zu denen, die zu ihm gehören. Nach außen hin ist diese Gemeinschaft nicht geschlossen oder exklusiv. Sie öffnet sich ausgehend von dem dualen Verhältnis von Vater und Sohn wie eine offene Spirale immer weiter nach außen.
Ist dieses Einssein in der Zeit der Kindheit und Jugend ein Thema? Die Gesellschaft preist nach wie vor allen ihren Mitglieder Individualität als einen hohen, wenn nicht höchsten Wert und als Ziel des Lebens an. Mit Kindern und Jugendlichen jedoch können wir auch ein Verständnis von Gemeinschaft und eine Sicht von Einheit thematisieren und einüben. Wir lernen von Jesus, er hat neben dem Blick auf die Einzelne auch das Miteinander gelebt und verkündet.
Kinder wissen und verstehen, dass sie andere Leute brauchen. Es gibt in einer Predigt von Martin Luther King die Veranschaulichung davon, wie viele Menschen es bewerkstelligen, dass ich mein Leben so führen kann, wie ich es führe: »Wenn du in der Früh aufwachst, hängt dein Leben von einer Million Leuten ab.« Zahnbürste, Pyjama, Seife, Frühstück und Zeitung etc. sind gemacht von vielen für dich aktiven Menschen. Menschen brauchen andere Menschen. Und zwar rund um die Uhr. Das macht auch die Fürbitte füreinander bedeutend.
Es lässt sich die Frage in den Raum stellen: Warum überhaupt die Einheit?
Möglichkeiten zur Antwort: Gottes ureigenster Wunsch ist die Einheit der Gemeinde, das heißt der weltweiten Kirche (und zwar in allen Schattierungen). So wie die Einheit des Sohnes mit dem Vater gelebte Einheit ist, so soll die Gemeinde, die Kirche Jesu Christi als Ökumene Jesu ihre Einheit suchen, leben und bewahren.
Esther Freyer vom Kinder- und Jugendwerk der Baptisten studiert Theologie in Wien
Thembelani Jentile ist Pastor in Mamelodi in Südafrika
Dietrich Fischer-Dörl vom Kinder- und Jugendwerk der Baptisten ist Pastor und Jugendreferent in Wien