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Johannes 10, 11-18
Guter-Hirten-Sonntag, 11. Mai 2003
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Gedanken zum Text

Wirkliche Hirten gibt es in unseren Breiten ja kaum noch. Das Bild des Hirten ist trotzdem etwas Vertrautes. Was der Hirt für mich, und wenn ich in den Text des Evangelium schaue, bedeutet?
Zunächst einmal Vertrautheit: er kennt seine Schafe. Er weiß nicht nur irgendwie, wer da herumläuft, sondern er kennt sie sozusagen persönlich, mit Namen. Er kennt nicht nur die Anzahl der Schafe, sondern jedes einzelne (dabei schauen Schafe doch auf den ersten Blich so ähnlich aus). Sie sind nicht nur eine Nummer (wie beim Schäfchenzählen, damit man einschlafen kann? die Nummer einer Kreditkarte? ...) Da geht es nicht um ein theoretisch-rationales Erkennen, sondern um ein personales Wahrnehmen und Annehmen, nicht um eine mystische Erfahrung, sondern um den Einsatz des Lebens.

So bedeutet der Hirte für mich Beziehung: Auch die Schafe kennen den Hirten, seine Stimme ist ihnen bekannt. Ein schönes Bild für die mögliche Zärtlichkeit so einer Beziehung stellt für mich ein Mosaik aus Ravenna (im sog. Mausoleum der Galla Placidia) dar

Der Hirt im Evangelium hat noch andere Schafe - er schließt keines aus. Er schafft Beziehung unter ihnen. Und der Hirt ist einer, der Verantwortung übernommen hat - er führt die Schafe. Dabei geht es nicht nur um eine nette Eigenschaft, nicht nur darum, wie er führt (und darin vielleicht Vorbild für Menschen, die führen, ist).

Jesus vergleicht sich im Text nicht nur mit einem Hirten, er sagt etwas über sich: "Ich bin der gute Hirt." Dazu gehört für ihn, dass er sein Leben für die Schafe gibt, weil er sie liebt. Er führt als Hirt, indem er durch Tod zum Leben führt. Das haben wir zu Ostern gefeiert, das ist die Botschaft jeden Sonntags. Er gibt sein Leben, um den anderen das wahre Leben zu schenken. Die Vertrautheit mit Jesus hat die Macht, den Tod zu überwinden, und Menschen dauerhaft miteinander zu verbinden. Wenn Menschen ihr Leben für andere einsetzen (was normalerweise nicht gleich den Tod bedeutet), dann kann das auf viele verschiedene Weisen geschehen: in einer tiefen Freundschaft, wo sich der/die eine ganz auf den/die andere/n verlassen kann; im beruflichen Einsatz für das Wohl und das Leben von anderen; in der Familie (heute ist auch der Muttertag - der Hirt passt für mich gut hierher); ...

Jesus drückt auch etwas von der Wirklichkeit Gottes aus, wenn er sich als Hirt bezeichnet: er kennt seine Schafe, sie kennen ihn so, wie der Vater ihn und er den Vater kennt. Hirte und Hirtin sein ist Beziehung, Sorge um das Leben anderer mit dem Einsatz des eigenen, ist Vertrautheit und aufeinander hören, ist Liebe.

Methodisch-didaktische Hinweise

Autor

Christian Wiesinger ist Bundesjugendseelsorger der Katholischen Jugend Österreich

30.3.2008nach oben